DIE Frage, mit der Du das passende Maß an Authentizität im Job herausfindest!

Foto: Mathias Maul

Wie viel Authentizität verträgt ein Job? Was ein Grill im Kofferraum damit zu tun hat.

Der Begriff „Authentizität“ ist in den letzten Jahren zum Modewort Nr. 1 im Businesskontext avanciert. Insbesondere im Zuge der Digitalisierung nimmt Menschlichkeit und „Echt sein“ einen höheren Stellenwert ein. Doch „Authentizität“ ist schon lange vor seinem Aufstieg in die „Top-Charts“ eine wichtige Voraussetzung für beruflichen Erfolg gewesen. Wer bei anderen Menschen Vertrauen wecken möchte, muss sich „zeigen“.

Doch wie viel Menschlichkeit verträgt unser tägliches Business? Wie viel dürfen wir von uns preisgeben, ohne zu riskieren, als inkompetent wahrgenommen zu werden oder an Respekt einzubüßen? Sorgen, die, sind wir mal ehrlich, doch irgendwie in uns allen stecken. Aber können wir überhaupt zu menschlich sein?

Zu dieser Frage ein Blick hinter die Kulissen aus meinem früheren Alltag in der Medienbranche.

Wir befinden uns an einem Freitagvormittag im wöchentlichen Meeting in der oberen Etage einer Sendergruppe. Die Sonne scheint vom typischen weiß-blauen Münchner Himmel in den gläsernen Konferenzraum. Vor mir sitzt eine respektable Runde und ich fühle mich großartig, wie ich die wichtigsten Kennzahlen und Projekte meines Bereiches zugleich mit viel Witz vorstelle.

3 Stunden später. Meine Mentorin betritt mit ungewohnt sorgenvoller Miene mein Büro. Sie nimmt Platz und weist mich ohne Umschweife darauf hin, dass sie persönlich die Späße im Rahmen meiner Präsentation mag, ich damit aber nur bedingt ernsthaft wirke und es deshalb erste kritische Stimmen gäbe. Sie empfiehlt mir dringend, meine Witze in diesen Meetings zu reduzieren.

Entsetzt über die Auswirkungen meines Auftretens binde ich fortan mein langes Haar zum Zopf, schnalle mir einen, wie ich finde, hochgradig seriös wirkenden Hermès-Gürtel um die Hüften und setze ein ernstes Gesicht auf. Zur Sicherheit verzichte ich auf jeglichen Witz in Meetings. Nach erstem inneren Widerstand akzeptiere ich: Business ist offenbar Business.

Ein Jahr danach. Dieses Mal konfrontiert mich meine direkte Vorgesetzte mit meinem Auftreten: „Wie kann ein Mensch nur so kontrolliert sein?“ Nicht nur meine Vorgesetzte, sondern auch ich bin hochgradig irritiert. Ja wie denn nu? Ich mache meiner Entrüstung bei befreundeten Kollegen Luft. Fest davon überzeugt, mein perfektes Auftreten bestätigt zu bekommen. Doch es kommt anders. Das Feedback zu meiner Wirkung ist so eindeutig wie niederschmetternd:

„Wir sehen Dich gar nicht mehr. Wir kriegen von Dir nichts mehr mit!“

Erschüttert denke ich an die langen Abende im Büro sowie an das Projekt rund um die Kultserie mit 3 New Yorker Single-Freundinnen, das ich gerade so erfolgreich mit meinem Team auf die Straße brachte. All dies blieb den Kollegen verborgen? Die Wahrheit ist bitter:

Ich habe mich so angepasst, dass ich unsichtbar wurde.

Der Moment ist gekommen, an dem ich zunächst ein wenig rotzig beschließe „Ab heute bin ich einfach wieder ich“.

Wenige Monate später erhalte ich die Lunch-Einladung meines Geschäftsführers, die ich mit einem mulmigen Gefühl annehme. Was wird dieses Mal kommen? Doch es kommt ganz anders: Bei Sonnenschein, Pasta und Tiramisu werde ich befördert!

Was ist passiert? Nach dem Feedback meiner Mentorin will ich unbedingt alles richtig machen und übertreibe mit einer viel zu ernsten Attitüde. Nachdem also dieser Versuch kläglicher nicht scheitern konnte, entscheide ich mich dafür, einfach wieder ich selbst zu sein. Ich gehe lediglich ein bisschen vorsichtiger mit meinem Humor um. Das passiert damals „ganz automatisch“ und ich gehe schließlich dennoch authentisch meinen Weg. Heute weiß ich:

Jede langfristige positive Veränderung erfolgt nach vorübergehender Übertreibung. 

Einige Jahre später, Flughafen Franz Joseph Strauß bei München. Zwischenzeitlich nicht mehr bezopft hole ich für einen gemeinsamen Kundentermin Entscheidungsträger von Rang und Namen vom Flughafen ab.

Die beiden Herren möchten ihre Koffer in meinem Kofferraum deponieren. Beim Öffnen des Kofferraums werden die Erinnerungen meiner letzten Sommertage sichtbar. Ein Grill, eine Badematte und meine Badetasche! Ich erstarre. Aber dann muss ich lachen.

Die Herren stutzen ebenso einen Moment lang und nehmen darauf hin ihre Koffer wortlos auf den Schoß (!). So machen wir uns auf den Weg zu einem bekannten Energy-Drink-Unternehmen in München-Schwabing.

Zurück im Job-Alltag nehme ich anschließend einen deutlich stärkeren direkten Austausch mit den Beiden wahr. Auf die Frage, was der Auslöser für den intensiveren Kontakt sei, antwortet einer der hochdekorierten „Mitfahrer“: „Die meisten holen uns mit frisch geputztem und perfekt aufgeräumtem Auto am Flughafen ab, aber Du hast sogar Deinen Grill und Dein Badezeug im Kofferraum einfach weggelacht. Cool.“

Dies soll bitte keine Aufforderung zur Nachahmung darstellen. Dein Grill steht auf der Terrasse ganz prima. Die Geschichte zeigt jedoch, dass echt sein noch einen weiteren positiven Nebeneffekt hat: Eine Atmosphäre auf Augenhöhe!

Wie findest Du nun das für Dich passende Maß an Authentizität im Job? 

Das Allerwichtigste: Sei echt. Auch oder gerade im Business! Glatt gebügelt wirkt langweilig und Du wirst übersehen. Oder gar für unterwürfig gehalten. Wer kennt ihn nicht, den typischen „Vertreter“, der es auf unseren Feierabend abgesehen hat.

Falls Du selbstständig bist, ist Deine Persönlichkeit sogar ein entscheidendes Kriterium, um Dich von Deinen Mitbewerbern zu unterscheiden. Dies wirkt keinesfalls inkompetent! Dein Know-How vorausgesetzt. Menschen lieben die Arbeit mit Menschen.

Dein gesunder Menschenverstand verhindert Ausfälle, die Deinen Ruf (und Deinen Job) ruinieren könnten.

Es wird immer wieder Menschen geben, die Dir aufgrund Deiner Nahbarkeit nicht mit angemessenem Respekt begegnen. Doch sind dies die richtigen Menschen für Dich?

Ich unterschreibe Dir zu 100%: Meine besten privaten und geschäftlichen Beziehungen sind aus sehr menschlichen und teilweise überaus kuriosen Situationen heraus entstanden!

Zur Frage, über die Du Dein individuelles richtiges Maß an Authentizität findest: Du hast Dich also entschlossen, darauf zu achten, echt zu sein, bist aber nach wie vor nicht sicher, wie viel im Job zu viel ist?

Dann empfehle ich Dir folgende Frage:

Als wer möchtest Du in Erinnerung bleiben?“ 

Die Antwort darauf wird Dich vor maßloser Übertreibung hüten.

Möchtest Du, um bei meiner eigenen oben geschilderten Situation im wöchentlichen Meeting zu bleiben, als Stand-Up Comedian in Deinem Bereich unvergessen sein oder doch lieber als humorvolle Expertin?

Siehst Du Dich im Business lieber als Partylöwin oder als toughe Verhandlungspartnerin, mit der man auch mal feiern kann? Bemerkst Du den Unterschied?

Falls Du aber das Gefühl nicht loswirst, so gar nicht Du selbst sein zu können, um die Wertschätzung Deiner Vorgesetzten oder Deiner Kunden zu erhalten, denke über einen Wechsel nach.

Alles andere raubt Dir auf Dauer Selbstbewusstsein und Energie, da Du das Gefühl nicht loswirst, falsch zu sein und gegen Deine Natur zu kämpfen. Du bist aber goldrichtig!

„Go where you can shine!“ (John Lennon) 

Ich wünsche Dir nun viel Spaß beim Entdecken DEINER Authentizität im Job. Für DEINEN Erfolg.

Deine Nico