Lasse Dich nicht von Blendern überholen. So überholst Du selbst!

Foto: Amjad Azroun

Meine Hassliebe zu Facebook, eine Selbsterkenntnis und über die gefühlte Ungerechtigkeit im Business

„Ich finde auf Facebook so gut wie nichts von Dir und Deinem Coaching-Business. Dein letzter Post ist schon wieder ewig her. Warum passiert da so wenig?“

So und ähnlich klingen die Fragen, die mich innerhalb weniger Sekunden in Rage bringen.

Aber von vorne.

Meine Anmeldung bei Facebook erfolgt nicht ganz freiwillig. 

Ich melde mich aufgrund meines Jobs in der Medienbranche an. Ich muss ja mitreden können. Was erblicken meine Augen? Mahlzeiten, Liebeskummer-Posts einer Bekannten, an die ganze Facebook-Welt gerichtet und Selfies, Selfies, Selfies. Mein Passwort entzieht sich mit der Zeit meiner Kenntnis.

Juni 2017. Ich habe es getan. Ich habe wirklich Spaß an meinen kleinen Beiträgen und weise auf  meine Seminare hin. Außerdem abonniere ich interessante Expertenseiten und gestalte mir so meine individuelle Timeline. Facebook und ich werden langsam Freunde.

September 2017. Facebook und ich werden doch keine Freunde.

Die Marketing- und Sales-Frau in mir hat mich dazu bewogen, eine kurze Wettbewerbsanalyse über Facebook zu erstellen.

Ich bin empört! Neben wenigen fundierten und professionellen Coaches entdecke ich eine Vielzahl an Coaching-Kollegen, die auf Facebook fast identische Sprüche und Webinare raushauen. Bei näherem Hinsehen fehlen zudem häufig Coaching-Ausbildungen oder ähnliche Qualifikationen sowie nennenswerte Berufserfahrung. Ich sehe mein Vorurteil gegenüber Facebook bestätigt:

Auf Facebook wird gepimpt, was das Zeug hält.

Warum ich mich nun nicht erst Recht auf Facebook verausgabe? Mit 25 Berufsjahren bei renommierten Medienhäusern mit respektablen Aufgaben und Positionen, einer ordentlichen Business-Coach-Ausbildung und erfolgreich durchgeführten Coachings? Liegt es am Argwohn, mit dem ich Facebook grundsätzlich beobachte? Liegt es daran, dass ich nicht davon überzeugt bin, dass sich meine Zielgruppe dort tümmelt? Oder gibt es da noch mehr?

  • Überall die gleichen Coachingsprüche und Webinare? Erschreckend. Nur – steckt hierin nicht eine großartige Chance, heraus zu stechen? Und damit schneller sichtbar zu sein?
  • Viele sind nicht qualifiziert? Weiß ich, was diese Menschen jenseits von Ausbildungen gelernt haben? Welchen Nutzen sie vor allem “dennoch” stiften? Und selbst, falls nicht: WAS HAT DIES MIT MIR ZU TUN?

Genau. Was hat dies mit mir zu tun? Moooooment  – wer hat hier das Problem? Das wird doch nicht die Autorin dieses Artikels selbst sein?!

  1. Ganz voran: Alles, was uns aufregt, hat immer auch mit uns selbst zu tun (siehe auch Friedemann Schulz von Thun, Kommunikationswissenschaftler). Seit ich denken kann, regen mich Menschen, die auf den Putz hauen, ohne die nötige Qualifikation dafür zu haben, ordentlich auf. Ja, die Kombination ist unbestritten nicht sonderlich sympathisch, aber es rechtfertigt nicht die eigene Zurückhaltung, in meinem Falle meine Zurückhaltung auf Facebook. Was hindert nun Menschen wie mich noch daran, mal so richtig einen auf dicke Hose zu machen?
  1. Die „bewusste Inkompetenz“ („Vier Phasen des Lernens“, Albert Bendura, Ross & Ross). Die bewusste Inkompetenz ist in Bereichen, in denen wir uns besonders gut auskennen, besonders hoch. Wir wissen ganz genau, was wir nicht wissen und neigen dann dazu, uns zurück zu halten, statt uns mit geschwellter Brust einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Ein häufiges Phänomen, gerade bei Frauen.

Nun die große Preisfrage. Welche Person geht unbefangener mit ihrer Selbst-PR um? Eine Person, die mangels Erfahrung nicht weiß, was ihr noch fehlt („unbewusste Inkompetenz“) oder eine Person, die die ganze Bandbreite vor Augen hat und daher sehr genau weiß, wo ihr Entwicklungspotenzial liegt? Du ahnst die Antwort. Was passiert?

Die Person mit der höheren Kompetenz wird überholt. 

Doofe “neue Social-Media-Welt”? Nein. Exakt dies passiert auch in der realen Welt ständig. Dort wird Selbstüberschätzung, die entstehen kann, wenn ein Mensch nicht weiß, was er nicht weiß, nur schneller enttarnt als in den sozialen Medien (siehe auch “Dunning-Kruger-Effekt”).

Was können wir nun aus der Hassliebe zwischen Facebook und mir lernen?

  1. Wenn Du Dich häufiger beim „Lästern“ über „Blender“, “Selbstdarsteller” oder „Luftpumpen“ erwischst, frage Dich: “Was hat dies mit Dir zu tun? Warum regt Dich das so auf? Was ist Dein Thema dahinter? Lenke den Fokus auf Dich zurück und überlege Dir, was Du gerne möglicherweise davon hättest. Halte Dir dabei vor Augen: Du bist nicht bescheiden, sondern Du versteckst vor einem entscheidenden Publikum Deine Kompetenz! Schaue Dir ruhig etwas von der Unbefangenheit der Leute, über die Du Dich so aufregst, ab. Plane erste kleine Schritte und lege danach sofort los!
  1. Du glaubst, „es reicht noch nicht“, um Dich auf den sozialen Medien oder Deinem Chef gegenüber sichtbar zu zeigen? Was passiert, wenn Du weiterhin unsichtbar bleibst? Was kannst Du gewinnen, wenn Du aus der Deckung kommst? Und bitte: Pfeife auf Deinen Perfektionismus. Auch beim Posten auf den sozialen Medien. Es gibt immer Menschen, die weniger wissen als Du und so finden sich Deine Leser ganz automatisch.

Ich wünsche Die nun viel Spaß und Erfolg. Ab auf die Bühne!

The S.T.A.G.E is Yours!

Deine Nico